

Montag, 21. Juli 2003
Saarbrücken. Ein
unsicheres Streifen durch nachtschwarzes Gesträuch – so muss es wohl
zu Zeiten Goethes zugegangen sein, als die Freunde der Hochliteratur sich den
Weg zu des Geheimrats Mitternachts-Cafés ertasten mussten, weil diese
oft an geheimnisvollen, nur Eingeweihten bekannten Plätzen stattfanden.
Nun, Jürgen Wönnes „Kir Resonanz Residenz“
im Deutsch-Französischen Garten ist für Ortsunkundige
schon tagsüber kaum auszumachen, geschweige denn nachts. Drum wurden die
Gäste, die sich trotz der vorgerückten Stunde recht zahlreich zur
Premiere von Steffen Greschs live gelesenem Krimi
„Al Capone trifft Lolita“ einfanden, von den ausführenden
Künstlern selbst am Eingang des DFG empfangen und treulich zur Bühne,
Wönnes Garten-Terrasse nämlich,
geführt. Skurriles an skurriler Stätte: Da gehörte es irgendwie
dazu, dass sich ein den Lese-Frieden störender Hund quer durchs
Gebüsch auf die Jagd nach Wönnes
Mieze-Tigern begab und ein gewaltiger Käfer surrende Angriffe auf die
beiden Vortragenden flog. Doch weder Steffen Gresch
noch Nelia Dorscheid
ließen sich durch derlei Unwägbarkeiten beirren und widmeten sich
intensiv ihrem „Hörspiel“. Das spielt ausschließlich in
einem Zimmer; dort agieren und erzählen zwei Personen, Verlierer-Typen in
anonymer Großstadt. Sie, Christiane von Lüderitz: abgebrochenes
Filmhochschul-Studium, Telefonsex, Fellini. Er, Marcel Kowalski: abgebrochenes
BWL-Studium, Computer, Pulp Fiction. Endstation:
Sehnsucht. Schluss mit diesem Leben wie eine Hühnerleiter, kurz und
beschissen! Kowalski träumt davon, als Hacker eine Millionen-Stadt lahm zu
legen. Ob Christianes neuer Verehrer, der betuchte und undurchsichtige Robert,
dabei von Nutzen sein kann? Ob das Unternehmen nicht doch zu riskant ist?
Vielleicht ist Robert auch auf Marcel angesetzt? Spannung bezieht die heikle
Beziehungskiste mit abrupter Wende aus dem reizvollen Kontrast des
Vortrags-Stils. Rauht Gresch
seine stoische Coolness mit manch emotionalem Ausbruch auf, so gibt Dorscheid das berechnende Nymphchen von unterkühlt
leiernder Dauer-Laszivität: Jeder Satz ein vages Versprechen, ein
„Vielleicht?“. Ein Manierismus, der hier allerdings stimmig ist.
Denn das Ende der pfiffig konstruierten Geschichte bleibt offen. kek